Leseprobe: Köln, wo wir uns trafen

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50.000 Liebesschlösser

Leichter Herbstwind flüstert noch vom Sommer und der Himmel will wieder blau werden, tiefblau wie im August. Die Blätter sind bräunlich, aber sie sind noch nicht gefallen. Das könnte wochenlang so weitergehen, auch Jahre lang. Es gibt kein Ende, nur eine sanfte Schwingung, die wieder­kommt.

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Die Handlung wird sich nicht wiederholen, nur einzelne Passagen und das sind gerade die innig­sten Begegnungen. Darauf warten wir.
      Und wir beobachten ungewollt das Pärchen, das sich umarmt und langsam Arm in Arm oder Hand in Hand über die alte Eisen-Brücke von Deutz zum Hauptbahnhof schlendert. In einer guten halben Stunde fährt ihr Zug.


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Zwischen den Fußweg an der Südseite und die Bahngleise drängt sich ein unüberwindbarer Zaun aus kräftigem Drahtgeflecht. In die Maschen des Zauns sind unzählige Schlösser eingeklemmt. Es sollen fünfzigtausend Vorhängeschlösser sein und fast jedes dieser Schlösser hatte einmal zwei pas­sende Schlüssel.
      Die Paare kommen von überall her, aus Korea oder New York, aus Dortmund, Schalke oder Mönchengladbach, sie schlendern verliebt auf die Brücke, küssen sich und hängen ihr Schloss an den Zaun, dann werfen sie die Schlüssel auf der anderen Seite in den Rhein und dann küssen sie sich wieder.
      Wie viel tausendmal ist das schon so passiert? Und es wird nie langweilig dabei. Immer wieder Küsse und Hoffnung, dass alles so weiter geht, weil niemand mehr das Schloss zu ihrer Liebe öffnen kann.
      Die Sonne steht jetzt im Süden, nur noch auf halber Höhe des Himmels, weil es bald November wird. Der Fluss rollt satt unter dem kalten Sonnen­schein und unter der vibrierenden Brücke hin­durch. Unberührt spült der Rhein die Gedanken nach hinten und wäscht die Seele frei von Furcht.

Er rollt weiter ins Flachland,

Leverkusen,

Düsseldorf,

Duisburg,

Wesel,

Xanten,

Emmerich.

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Der Rhein teilt sich
in Waal, Lek und Ijssel,

fließt nach Nijmegen
und in den Hafen von Rotterdam

und immer noch weiter ins Meer,
nach Friesland, Island und zum Nordpol,
wo keine Sonne mehr scheint.
      Das Wasser aber steigt wieder hoch, es kreist vom Meer zu den Wolken und dann regnet es auf den grauen Asphalt, wo Liebende selbst im Regen noch ihre Schlösser einklicken. Sie kichern japa­nisch in die Kamera und küssen sich unterm Regenschirm. Und der Regen tropft langsam wie Tränen in den Fluss.
      Auch die Liebe kreist.
      Das Rad dreht sich.
      Die Kugel fällt meistens auf Zero. Aber irgend-jemand hat auch gewonnen und geht befriedigt nach Hause, die Hände tief in die Taschen gestopft.
Nur die Vorhänge-Schlösser aus Messing und Eisen bleiben draußen am Draht-Gitter hängen, sie baumeln manchmal bei Sturm und rappeln bis in alle Ewigkeit, wenn ein Zug vorbeifährt, auch dann, wenn die Liebe schon eingerostet ist.

Vorsicht!
Liebe rostet schneller als Stahl.







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Mädchen aus Mülheim

Das Geheimnis einer solchen Nacht liegt in dem tiefen Grau des Wassers und im stumpfen Silber des Himmels. Wir könnten darin versinken, wenn wir süchtig wären. Ein Autofahrer mit viel Bumm in den Boxen ist schon süchtig, er fährt verkehrt über eine Kreuzung, direkt ins Jenseits; denn die Notärzte streiken und die ganze Stadt versinkt im Fußball.

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Das Wochenende ist die Zeit, in der Familien zerbröckeln, die Menschen verlaufen sich im Nach­tleben. Einige zerdeppern ihre Puppen.

Ein Student der Monotonie, der schon lange fällig ist, zer­trümmert mit der Axt seinen Fernsehapparat, während draußen ein Mädchen namens Mukater, ja, sie heißt wirklich Mukater, mit langen, schwar­zen Haaren, von denen zwei dicke Strähnen über ihren Brüsten spielen, ungeduldig auf die nächste Straßenbahn wartet.
      Es könnte sein, dass du sie beobachtet hast, oder es ist ein anderer, der hat sie beobachtet, und du bist ihr heimlich gefolgt in die Straßenbahn, die jetzt ins Zentrum fährt. Es könnte sein, dass einer sich in ihre Nähe setzt, direkt gegenüber, und die Sehnsucht von ihren Lippen saugt. Das passiert jeden Tag, überall und tausendmal.

Und er steigt gleichzeitig mit ihr aus, geht ihr im Abstand von dreißig Metern hinterher, manch-mal näher, manchmal weiter, ganz vorsichtig und feige, erst durch die Studentenmeile mit ihren Kebab-Buden, dann durch die schmutzigen Diskos der Innenstadt und schließlich bis in die grauen Straßen eines Viertels, wo du sonst nie hinkommen würdest, und jetzt auch nur, weil du sie verfolgst bis an die Randzone deiner eigenen Stadt, da wo niemand mehr wohnt, den du kennst.

Du siehst ihre Haare, die im Licht der Straßen­laternen schimmern, du hörst von weitem ihre Schritte auf dem Pflaster klappern. Dann wieder erscheint ihre Silhouette vor einem Schaufenster.

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Und du folgst ihr heimlich durch all die Vergnü­gungsviertel und die Niederungen der Stadt nach draußen bis in den feuchten Uferwald.
      Der breite Fluss fließt träge durch die Nacht. Er schleppt das traurige Lied der Lastkähne und den Schein des Mondes, der sich in den verworrenen Wellen spiegelt. Manchmal schimmert eine flüch­tige Reflexion von Lichtern durch die Bäume zur Straße hin.

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Mukater ist jetzt ganz nah vor uns, sie bewegt sich immer schneller und beginnt zu laufen. Dicke grüne Zweige von mächtigen Buchen peitschen ihre Schultern.

Noch ehe sie ihr Ziel erreicht hat, tobt ein Sturm von Entrüstung durch ihre gesamte Familie. Sie schreit immer wieder, nein, nein und rennt auf ihr Mädchenzimmer und sie weiß doch, dass es hier kein Entkommen gibt; denn im Sinne dieser Anklage ist sie schon lange schuldig, obwohl sie es nicht getan hat, aber jeder denkt so, sie hätte es getan, weil sie in diesem Alter ist, wo sie es tut, weil sie in dieser Stadt lebt und sie liebt, und auch die Augen der Männer, die in Taxis vorbei gleiten und ihr folgen, die Blicke der Beifahrer und das aufdringliche Bumm Bumm der Boxen, das immer nervt und erregt und die Fahrer an den Ampeln weiter peitscht.

Alles ist so unvermeidbar und es gehört zu­sammen wie Öl und Wasser in den Motoren, sonst würden sie nicht so rund und satt und kraftvoll laufen, bei der Gewalt, die in ihren pumpenden Zylindern explodiert.

Aber jetzt bist du schuldig an ihrer Schuld und auch die drei Freundinnen, die nicht bei ihr ge­blieben sind. Ihr seid auch schuldig an ihrer Strafe. Wegschauen ist keine Unschuld, und ihr sagt, das wusstet ihr nicht, aber ihr wusstet es doch!
      Und du hast alles so gewollt, du hattest doch gesehen, wie schwarz und wie lang ihre Haare sind, du bist ihr trotzdem gefolgt, hast dich zu ihr gesetzt, sie angesprochen mit deinem eigenen Mund, du hast sie an dich gefesselt und wieder verloren und sie dann verfolgt bis hier her.

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Atemlos erreicht sie schließlich das Haus, von wo aus sie den Fluss nicht mehr sehen kann, aber sie riecht noch das Wasser in der Luft. Sie wirft sich in die Arme der Mutter, die Mutter bricht in Tränen aus, sie schickt sie zum Vater. Der alte Barbier, jetzt ist er Friseur. Der Meister grinst wie ein Teufel und schärft schon seine Schere im Mondlicht. Sie taumelt zurück und schaudert vor der Gewissheit.

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Der Vater flucht, er prügelt und betet, die Tochter weint, heult, sie bereut und tut es immer wieder. Immer wieder, mit dir und mit anderen.

Sie rennt durch die Stadt, läuft über die weiten Brücken und spiegelt sich im Wasser, sie sitzt in der Straßenbahn und schaut durchs Fenster, ob einer kommt, ob er sich zu ihr setzt, sie steht unter den Laternen und wartet bis in die Nacht. Unter ihrer Bettdecke Sie spielt sie mit dem Handy, sie sendet heimlich Buchstaben, Tränen und Träume. Sie sehnt sich nach einer Antwort, und sie geht weiter und immer weiter, mit wem sie will.

Du hättest sie nicht anschauen dürfen, nicht mit ihr reden, nicht einmal die Haare mit den Blicken durchwühlen. Du hättest sie nie antasten sollen, mit deinen Augen und Gedanken, nicht mit deinen Sprüchen verfolgen. An der übernächsten Halte­stelle hättest du aussteigen können, da gibt es eine riesige Diskothek und ein Kiosk, das 24 Stunden geöffnet hat. Da hängen die meisten deiner Freunde herum.
      Aber du wolltest ihren geschmeidigen Körper fühlen. Dabei wäre sie besser wie Luft für dich oder toter Stein, Marmor oder Plastik. Du solltest nicht denken, was du denkst, sie nicht einmal ansehen, mit deinen gierigen Blicken, ihr herbes Parfum nicht riechen und niemals den Hals mit deinen fleischigen Händen berühren, mit diesen geilen Bildern im Kopf.

Auch Mukater lebt in dieser Stadt, aber ihre Schönheit ist nicht dein und nicht mein, sie gehört nicht einmal sich selbst, auch das Paradies, von dem sie träumt, ist nicht hier. Das alles ist nichts für dich. Das befindet sich auf der anderen Seite eines Grenzflusses, der mitten durch iese Stadt fließt.

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Der Widersacher des Satans legt die Schrift beiseite, er hüllt sich noch in Schweigen, doch sein Urteil gegen das Verderben dieser Welt ist schon gefällt. Sie haben es alle so gewollt. Es wird geschehen, wie es geschrieben steht, noch ehe die Uhr dreimal abgelaufen ist. Und jetzt ist sie verloren am anderen Ufer, an den Steinmauern, um Mitternacht. Die Wände hallen wider von den Schritten der Fliehenden.

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Sie weiß nicht, wohin. Sie weiß nicht einmal genau, warum. Und bald rennt sie und rennt immer weiter.

Sie springt über die Leitplanke, das Gras ist so glitschig, der Fluss ist gierig nach ihrem Leib. Die erleuchteten Fenster der Hochhäuser und der Kathedralen vom gegenüber liegenden Ufer blinken und locken:

Komm rüber zu uns in das neue Weltall, fliege mit uns zu den erreichbaren Sternen... Und versinke.

Blätter und Äste eines Holunderbuschs quellen über die Friedhofsmauer, der Geruch ist be­rauschend in dieser Julinacht. Sie atmet die fette Luft des Flusses, riecht den Duft der Holunder­zweige und sie ahnt den Hauch des Todes, der hinter dieser Mauer liegt. Es ist eine Botschaft des Friedens, ein Frieden, den Mutaker nicht kennt, das Geheimnis derjenigen, die schon lange tot sind in dieser Erde, gestorben ohne ein Urteil, ohne Schuld oder Strafe.

Es wäre verlockend, so wie die Toten zu sein, aber sie will nicht, sie will sich auch nicht in Gedanken verlieren.

Sie will nicht alles vergessen, was so grell und neu war, weil es sich besser an fühlte als neue Schuhe und ein neues Kleid, so hautnah, dicht und sinnlich, wie nur die Wirklich­keit ist. Sie will überhaupt nichts von dem vergessen, was sie fühlt.

Nach einem Gesetz, das sie nicht kennt, sollte sie sterben, aber sie weiß es besser, das ist nicht ihr Gesetzt, ihr Vater ist kein Barbier mehr, seine Schere ist stumpf, es ist keine Sünde, es gibt keinen Satan und keine Schuld.

Sie wird nicht sterben, und wie könnte Mukater auch sterben?

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Diese Augen, diese Haare und die Träume in der Nacht, ihre Blicke beim Tanzen und das Geräusch der Männer in ihren Ohren, mit ihren Magneten in den Lautsprecher-Boxen der Autos, lauter als die Motoren. So vermischen sich Öl und Wasser durch den hohen Druck der Kompression. All das kann nicht sterben und es stirbt auch nicht, auch die Sünde stirbt nicht, aber es ist keine Sünde. Der Sog zieht uns alle an den Fluss mit seinen feuchten Wiesen, die nach Liebe und Holunder riechen oder auch nach Weihrauch und ewigem Frieden.

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Mukater, das Mädchen, das hier jeder kennt, sie hat dir eine SMS aufs Handy geschickt mit ihrem richtigen Namen, du hast diese Nachricht noch nicht gelöscht. Du wirst sie nie löschen! Und Mukater kann gar nicht sterben, weil es noch nicht einmal einen islamischen Friedhof hier gibt!


Als Audio-Track, gesprochen zur Musik:

Dub-Geschichte
Mädchen aus Mülheim



1 Frage um halb 3

Viele Straßen, viele Wege
in der großen kleinen Stadt
viele Bilder in den Köpfen
Ziele, wie jeder sie hat.
Reklame an allen Wänden
Vibrationen in Raum und Luft
Menschen halten sich fast an den Händen
du riechst ihren Körperduft.

Blicke, Gedanken und Wünsche
scheinen zu explodieren
ob du reich bist oder auch nicht
braucht dich nicht zu interessieren
denkst du zuerst, doch dann
fühlst du dich plötzlich allein
und der Geruch, den du spürst
könnte Parfüm und sehr teuer sein.

Miete, Klamotten und Tanz
auch Reklame, alles kostet Geld!
Ist es doch nur Geschäft und Konsum
was die Welt hier zusammenhält?
Jeder Job kostet Zeit
und es wird mit der Zeit immer mehr.
Zeit ist Geld, sagen sie
doch kein Mensch gibt die Zeit wieder her
auch nicht für Geld!

Die Jugend, die Jahre, die Liebe
sausen im Kino vorbei
alles flimmert und grinst von den Wänden
es ist spät in der Nacht, bald halb drei.
Sei mal ehrlich, ganz einfach
ich frage nicht viel:
Bist du noch frei?
Oder
Bist du schon am Ziel?

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