Geld in Über
fluss

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Der Mensch ist ein Tier, das Geld hat.

Die Sucht, zu suchen

 
 
 
 
Manchmal ist es gut, Tiere in Freiheit zu beobachten. Also nicht im Zoo und keine Haustiere, die ständig gefüttert werden, sondern Tiere die irgendwie frei leben. Das muss nicht heißen, dass sie in freier Natur leben; es können auch Domtauben sein oder die Amseln und Spatzen, die sich hinterm Haus im Garten herumtreiben.
Womit sind diese Tiere beschäftigt?
Was treibt sie um, wie leben sie?

Sie suchen nach Nahrung, fast den ganzen Tag.
Tauben picken ständig an irgendetwas herum, untersuchen jedes Bröckchen, ob es verdaulich ist.

Auf einmal fällt dir auf, dass es bei uns Menschen genau umgekehrt zugeht:
Der Mensch geht in einen Supermarkt und die Nahrung, die dort in Überfluss herum steht und liegt, muss sich dem Menschen aufdringlich präsentieren, die Nahrung sucht ihn, den Konsumenten. Äpfel lachen uns an, Tomaten drängen sich auf, Schokolade lockt und tausend Flaschen Wein wollen uns verführen.
Schlaraffenland.

Doch wir brauchen Geld, nicht sehr viel, aber ohne Geld gibt's nichts zu essen und nichts zu trinken außer Wasser.
Das ist noch eine kleine Gemeinsamkeit mit den Tieren, wir könnten genau wie sie Wasser trinken und der Durst ist gestillt.
Aber das kommt jetzt kaum noch in Frage.
Der normale Konsument oder die Kinder der Konsumenten trinken kein Wasser, sie trinken wenigstens Mineralwasser und Limo, besser aber Saft, Eistee, Ingwer-Tee oder Tonic und Schorle. Es ist völlig egal, wir müssen etwas trinken, das zum Konsum beiträgt.
Konsumartikel fordern vom Konsumenten, konsumiert zu werden. Wir suchen sie nicht, wir werden gesucht.

Was wir aber dann suchen müssen, ist Geld. Die Suche nach Geld ist genau wie der Konsum bestens kanalisiert, nicht frei oder beliebig. Geld ist in der Natur nirgendwo zu finden, auch nicht in den Städten, auf den Bahnhöfen, wo Tauben herum picken, die immer etwas essbares finden.
Sie finden kein Geld. Und wir finden auch keins.
Wir sind gezwungen, für Geld zu arbeiten. Also suchen wir Arbeit. Milliarden Menschen suchen Arbeit und viele haben sie gefunden.

Der Mensch braucht als Lebewesen das Suchen, genau wie frei lebende Tiere; wenn der Mensch nicht sucht,
wird er schlaff,
müde, deprimiert
und am Ende krank.

Wir suchen nach Arbeit, wir finden sie, bekommen Geld und sind dann auf einmal gesuchte Konsumenten. In der freien Zeit suchen wir nach Unterhaltung und Zeitvertreib.
Das Überangebot ist riesengroß. Die Unterhaltungsindustrie benötigt dringend unsere Aufmerksamkeit.
Sie sucht unsere Aufmerksamkeit so sehr, dass sie uns Unterhaltung umsonst anbietet, wenn wir nur unsere Aufmerksamkeit zur Verfügung stellen:
Privatfernsehen, Online-Zeitungen, Facebook.
Wir bezahlen unseren Zeitvertreib mit Aufmerksamkeit. Das trifft sich ideal. Es ist als ob wir Bier damit bezahlen, dass wir es trinken.

Doch es gibt einen Nebeneffekt:
Die Aufmerksamkeit fällt nicht nur auf den Gegenstand der Unterhaltung, sondern wir werden durch Reklame auf etwas anderes aufmerksam gemacht.
Auf was?
Auf Konsumangebote.
Also brauchen wir mehr Geld, damit wir, wenn wir nicht bei der Arbeit sind und auch nicht beim Essen oder Einkaufen, in der Freizeit auf die Freizeit-Konsum-Angebote eingehen können.

Das wird kompliziert und die Zeit wird knapp. Es lässt sich vereinfachen, wenn wir Geld nicht mit Arbeit verdienen, sondern Geld mit Geld verdienen. Geldverdienen mit Geld ist viel direkter und einträglicher als Geldverdienen mit Arbeit und es geht auch schneller.
Man braucht dazu nur ein Startgeld; denn zum Geldverdienen mit Geld ist ein Startkapital erforderlich, das so groß ist, dass wir es nicht mit Arbeit verdienen können.

Am leichtesten und in den meisten Fällen bekommt man das Startgeld als Erbschaft. Fast alle Reichen und Superreichen, die Geld mit Geld verdienen, haben ihr Startkapital geerbt. Das ist Schicksal und ist für uns nicht erreichbar. Wir wissen nicht, wie wir an eine Erbschaft kommen könnten, es ist ausgeschlossen; wir haben keinen, der viel Geld hat, den wir beerben könnten, um uns den Start in die Geschäfte mit Geld zu ermöglichen.

Der einzige Weg, ohne Erbe an genügend Geld zu kommen, um mit Geld zu handeln, ist der, als Lehrling oder Praktikant ins Geldgeschäft einzusteigen. Zum Beispiel bei einer Bank. Besser bei einer Investment-Bank, noch besser ist ein Fonds und noch besser ein Hedgefonds. Dort lernen wir, Geld zu disponieren, das uns nicht gehört.
Disponieren von Geld, das einem nicht gehört, bringt am meisten Geld ein. Es sind Provisionen. Die sind so hoch, dass wir jetzt auch selbstverdientes Geld disponieren können.

Und wir werden es besser disponieren als das Geld der anderen Geldgeber im Fonds. Erst dann, wenn unser eigenes Geld optimal angelegt ist, schieben wir das Geld der anderen hinterher und die anderen vertrauen uns immer mehr Geld an, Geld, nach dem wir gar nicht mehr suchen müssen.
Die Geldanleger sind jetzt unsere Kunden.
Unser eigenes Vermögen wächst, die Anleger drängen uns immer mehr Geld auf und wir suchen ganz dringend nach Anlagemöglichkeiten.

Wir suchen nicht nach Nahrung, wir suchen auch nicht nach Arbeit. Wir haben es nicht nötig nach Geld oder Einkommen zu suchen.
Das Geld sucht uns und wir suchen verzweifelt, es los zu werden, unser eigenes Geld und das, was andere uns freiwillig überweisen.

Das ist der höchste Antrieb, der Trieb der Triebe; es ist die verzweifelte Suche nach Möglichkeiten, sehr viel Geld auszugeben, am besten Milliarden und zwar schnell, sofort. Es ist eine Sucht, die stärker ist als Hunger und Durst.
Diese Sucht treibt Banken an und die Wirtschaft. Die Wirtschaft treibt die Staaten an. Die Finanzindustrie droht den Regierungen:

Wenn ihr uns keine Anlagemöglichkeiten für Geld verschafft, wenn ihr nicht wenigstens Schulden macht, dann verschaffen wir euch keine Arbeitsplätze mehr.
Ohne Arbeitsplätze seid ihr hilflos, weil ihr Steuern und Sozialabgaben nur von denen bekommt, die arbeiten. Ihr wisst nicht, wie man Geld mit Geld verdient und wie man Geld von denen bekommt, die ihr Geld mit Geld verdienen. Das wisst ihr nicht und wenn einer von euch Sozialisten es doch weiß, werden wir ihm soviel Geld geben, dass er zu uns kommt und für uns arbeitet.

Wenn du es dann schaffst, beim Praktikum im größten Hedgefonds, deinen treuesten Geldanlegern eine Möglichkeit zu bieten, gleich ein paar hundert Milliarden zu versenken, todsicher, schnell und unauffällig, in Singapur, Dubai oder Katar, dann hast du die Meisterklasse erreicht.
 23.11.2017
 Rob Kenius

 
 
 
 
Weniger Absurdes und mehr Einleuchtendes über Geld in dem Essaybuch
Überleben im Überfluss

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