Abfalltonne der öffentlichen Meinung

                                       

Abfalltonne der öffentlichen Meinung
Ein Essay über Soziale Medien

 
 
 
 
Wer das schon gelesen hat, klickt zum aktuellen Blogbeitrag über das Thema Hass im Netz

Eine Zeit lang habe ich wie viele Zeitgenossen die Kommentarfunktionen bei Spiegel Online, Zeit Online und anderen Foren genutzt, um Statements zu hinterlassen. Ich kam nach einem Jahr zu der Erkenntnis, dass dieses Tun verschwendete Zeit ist.

Eine gute Idee,
wenn 1000 Leute sie haben,
kann eine schlechte Idee sein.

Millionen Internet-Teilnehmer aber sind anderer Meinung.

Sie tummeln sich in den Foren, wo sich anscheinend die Volks-Seele austobt. Auch Politiker glauben, dass sich dort die Meinung der Massen spiegelt und sie wundern sich, dass so viele Kommentare radikal, hasserfüllt und beleidigend sind.
 
Was dort diskutiert wird, sind nicht Fakten, sondern Meinungen über Ereignisse. Das ist ein großer Unterschied. Meinungen gehen auseinander, Meinungen schaukeln sich hoch. Mehrheits-Meinungen dominieren andere Meinungen und siegen über das Wissen von Tatsachen, Wissen, das oft nur eine Minderheit hat.

Aber alle Meinungen, egal wie viele Menschen sie haben, werden schnell zerpflückt, auseinander genommen und widerlegt durch Wissen von Fakten und Zusammenhängen, durch Logik, durch Erkenntnis von Funktionen und Statistik. All dies hat nichts mit Mehrheiten zu tun und mit Demokratie, sondern mit Fakten-Wissen und Diskussion darüber.
 
Meinungsbildung hat mit Bildung zu tun.
 
Es kann keine desinformierte Demokratie geben, ohne Wissen und Diskussion mit Wissenden, sonst wird die Mehrheit zur Herrschaft des Pöbels oder zur Diktatur des Proletariats.

Das bedeutet umgekehrt, dass die Wissenden, nicht nur Wissenschaftler, auch wissende und erfahrene Frauen und Männer aller Richtungen, sich einmischen sollen in die öffentliche Diskussion ohne Furcht vor der unwissenden Masse, ohne Arroganz und ohne Überheblichkeit. Was sie dabei verlangen können, ist Respekt. Diesmal nicht vor ihrer Autorität, sondern vor ihrem Vorsprung an Alter, Erfahrung und Wissen.

Meinungsmacher, die keinen Respekt vor dem Wissen und dem Gewissen anderer haben, diffamieren Gegner ihrer Meinungen verächtlich. Damit propagieren sie eine Kultur, in der Meinung über Wissen geht und über Ge-wissen siegt die Ge-mein-heit.

Diese Vorgänge werden in den sogenannten Sozialen Medien nicht unterbunden. Nein, die Propagierung von Gemeinheiten wird begünstigt durch die Möglichkeit der Anonymität. Dort ist man öffentlich zu sehen und zu lesen und gleichzeitig anonym. Ein Widerspruch in sich. Meinungsäußerungen, die so zustande kommen, werden maßlos überschätzt.
 
Intellektuelle um Netz
machen sich lustig über RTL,
nehmen Facebook und Twitter aber ernst.

Das Wort Soziale Medien ist ein viel zu hoch angesiedelter Begriff. Es täuscht vor, dass dort ein soziales Netzwerk oder ein Medium oder, allgemein gesagt, ein soziales Gebilde existiert.

Was ist ein soziales Gebilde?

Ein soziales Gebilde besteht aus einer Gruppe von Personen, die untereinander eine engere Beziehung haben als zu den anderen da draußen, die nicht dazu gehören. Schon mit dieser sehr allgemein gehaltenen Definition lässt sich leicht zeigen, dass die sogenannten Sozialen Medien im Netz keine Sozialen Medien sein können, weil sie nicht einmal soziale Gebilde sind.
 
Wieso denn nicht?

Erstens handelt es sich nicht um eine Gruppe von Personen.
 
Nehmen wir als Beispiel Facebook. Die Teilnehmer sind teils echte Personen, die einen Namen und ein Gesicht haben, teils aber Unpersonen, die ihren Namen nicht nennen und ihr Gesicht nicht zeigen. Alle Teilnehmer können beliebig viele Identitäten annehmen. Prominente, Politiker und Schauspieler lassen ihr Account von einem Fan-Club oder einer Agentur verwalten. Es sind ferner nicht nur Personen beteiligt, sondern auch Firmen, Organisationen, Vereine, Parteien oder Ortsgruppen. Es gibt keinerlei Einschränkungen, keine Einteilung und keine Kontrolle der Teilnehmer.

Facebook ist definitiv nicht eine soziale Gemeinschaft von Personen, sondern eine Internet-Firma, die ihre Forenstruktur jedem zur Verfügung stellt, um mit dem kostenlos und ohne Anspruch auf Urheberrechte der Teilnehmer gelieferten Inhalt Klicks bzw. Traffic (ständig viele Klicks) zu erzeugen. Und damit wird auf vielseitige Weise Geld verdient. Das ist das Geschäftsmodell.
 
Dieses Geschäftsmodell hat seine Schwächen.

Die Struktur von Facebook ist darauf ausgerichtet, Klicks zu erzeugen. Sie spricht Leute (Nutzer) an, die klicken, ehe sie nachdenken. Was sie anklicken, spielt kaum eine Rolle. Der Algorithmus fördert unreflektierte Zustimmung.
 
Die Situation der lockeren Klicks lockt dann Schreiber an, die nur schreiben, um schnelle Zustimmung zu finden, sie schreiben, was ihnen gerade in den Sinn kommt, was in der Luft liegt, ohne darüber nachzudenken. Das passt prima zusammen und schaukelt sich hoch in Wechselwirkung.
 
Die Möglichkeit der Anonymität sorgt dafür, dass niemand sich blamieren kann und niemand für seine Äußerungen zur Rechenschaft gezogen wird. Krasse Meinungen bringen mehr Klicks und Klicks sind für die Firma das, was Geld bringt.

Ursprünglich sind Soziale Medien nicht zum Geldverdienen geschaffen worden, auch Facebook nicht. Es ist die persönliche "Leistung" von Mark Zuckerberg, aus der Idee so viel Geld gemacht zu haben. Doch die Ertragslage war anfangs sehr gering. Sie beschränkte sich auf Werbeung für einfachste Konsum-Artikel (z.B. Softeis), später wurden dann statistische Daten ausgewertet und verkauft.
 
Der große Coup war erst der Börsengang, da rappelte es Milliarden. Der Coup war deshalb so erfolgreich, weil Facebook weltbekannt ist und etwa 1 Milliarde Nutzer hatte, nicht weil entsprechend viel Geld verdient wurde. Ein vernünftiger Mensch, der sein eigenes Geld disponiert, sollte keine Facebook Aktien kaufen, weil der Börsenwert weit überzogen ist und nicht der realen Gewinnerwartung entspricht.
 
Hände weg vom
Zuckerberg!

Selbst Zuckerberg traut seinem Glück nicht, er will ganz vorsichtig aussteigen und den Erlös in eine Stiftung stecken, die er dann selber verwaltet.
 
Mit allen Mitteln muss Facebook versuchen, die Ertragslage zu verbessern. Deshalb wird nichts gegen Hass und Gemeinheiten unternommen. Das würde Personalkosten verursachen. Zwar sollen die verbalen Entgleisungen von anderen Teilnehmern gemeldet werden, was nichts kostet, aber dann müssten Menschen ran, welche die Texte lesen und die Sprache verstehen. Nur verständige Menschen können beurteilen, ob die Grenze zu Beleidigung, Hetze und Rassenhass überschritten ist.
 
Allein um die Hassattacken in deutscher Sprache zu löschen, müssten ein paar Dutzend qualifizierte Mitarbeiter eingestellt und bezahlt werden. Roboter und Algorithmen können das Problem nicht lösen und darum sträubt Facebook sich. Doch jetzt ist etwas Bewegung in die Sache gekommen. Die Staatsanwaltschaft München hat auf Antrag Anzeige erstattet wegen Beihilfe zur Volksverhetzung usw.

So ein Gebilde wie Facebook ist also erstens keine Gruppe von Personen, sondern ein kommerzielles Internet-Angebot und zweitens entsteht durch die Nutzung des Dienstes keine soziale Bindung zwischen den sehr unterschiedlichen Teilnehmern.

Was bedeutet das, "soziale Bindung"?

Das Ur-Muster einer sozialen Bindung ist die Familie. Die Familien-Mitglieder sind verwandt oder verschwägert, sie kennen sich gut, teilweise schon ihr Leben lang, und sie kontrollieren sich gegenseitig durch Gespräche, Anweisungen und Wert-Urteile (Soziale Kontrolle).

Fast nichts von diesen Kriterien trifft auf Facebook und die anderen sogenannten Sozialen Medien zu.
 
Soziale Medien stellen eine absolute Schwundstufe des Sozialen dar.
Der Philosoph Buyung-Chul Han in seinem Buch
"Die Austreibung des Anderen"

Die Teilnehmer kennen sich zum großen Teil nicht persönlich, sie wissen nicht, ob ein anderer Teilnehmer eine ganze oder eine halbe oder gar keine echte Person ist und sie haben zu den meisten anderen kein persönliches Verhältnis. Anweisungen und Ratschläge braucht niemand zu befolgen. Urteile haben keine Wirkung. Gespräche sind unverbindlich und jeder kann sich dem Kreis wieder entziehen, indem er oder sie seine Identität ändert oder löscht.

Ehe der Begriff Soziale Medien im Netz auftauchte, gab es schon Kontaktbörsen wie Jappy. Kontaktbörse ist ein Begriff, der wesentlich ehrlicher ist. Dort werden Kontakte vermittelt zum Beispiel zur Partnerwahl. Entscheidend sind dann die ersten Begegnungen in der Realität. Mann und Frau treffen sich in einem Café, plaudern ein wenig und meistens gehen diese Treffen so aus, dass man sich nicht wieder trifft. Eventuell bleibt man trotzdem in Kontakt und nutzt das Forum als Kommunikations-Medium weiter. Bei dieser Vermittlung von Bekanntschaften ist es eine willkommene Regel, dass der erste Kontakt anonym erfolgt.

Solange die andere Person anonym bleibt, ist sie aber kein realer Mensch, sondern ein Schatten. Ich will damit nicht sagen, dass die Menschen dahinter nur Schatten sind, sondern dass sie sich freiwillig auf so ein Schema reduzieren und dass wir keine echten Gefühle an diese Schemen heften oder mit ihnen teilen sollten, weder Liebe noch Hass.
 
Viele fürchten sich, aus dem Schatten heraus zu treten. Etliche Frauen wie Männer nutzen Kontaktbörsen also nicht zum Kontakt, sondern nur zum Zeitvertreib und zur Selbstinszenierung oder als Kommunikations-Medium.

Diese Möglichkeit der Selbstdarstellung und Selbstinszenierung steht bei Facebook im Vordergrund. Es dient nicht der realen Begegnung mit Unbekannten. Da wird viel gepostet, gemailt, geliket und schnell kommentiert. Voll in diesem Mode-Trend liegt twitter, wo es nur darum geht, andauernd spontane Kurznachrichten und Meinungen zu verbreiten von anonymen Absendern und ohne Adressat. Ob twitter, das bis heute keine Gewinne erziehlt, noch lange überleben kann, ist fraglich.


Das Internet
kann die Dummheit
nicht abschaffen.

Mangelnder Realkontakt und Anonymität bedeuten das Fehlen einer sozialen Kontrolle und das führt schnell dazu, dass die Kommunikation entartet. Nachrichten sind nicht überprüfbar, die Urheber nicht greifbar. So entsteht kein Medium, sondern ein unzuverlässiges Meinungs- und Nachrichten-Sammelsurium, ähnlich einem Gerücht, nur viel größer und viel schneller in der Ausbreitung.

Wenn es um Ereignisse geht, zu denen jeder spontan eine Meinung haben will, kommt es ohne Rücksicht auf den Informationsstand zu einer Meinungs-Lawine. Viele fühlen sich bestätigt, wenn sie sich dem Trend der Mehrheit anschließen, andere aber wollen im Getummel der Äußerungen hervorstechen, indem sie eine besonders markante, in den meisten Fällen radikale, Meinung vertreten, die dann von Mitläufern geteilt wird.
 
Dabei riskiert niemand, der anonym bleibt, beim Wort genommen zu werden. Man investiert nicht seine volle Person, sondern nur eine selbst konstruierte Identität, die man ändern, ausbauen, wechseln oder wieder löschen kann.
 
Das häufige Ergebnis:
Unterstellungen, Beschimpfungen und Beleidigungen schaukeln sich hoch bis zur Androhung von Mord und Totschlag, Aufforderung zu Brandstiftung und Landfriedensbruch, mit einem Wort, zum Hass.

Mäuse weg vom
Zuckerberg!

Was kann der/die Einzelne tun?
Facebook Abmelden!

Wir kannten schon immer ein ähnliches Phänomen der anonymen Entgleisungen: Die Sprüche an Toilettenwänden.
 
Würde eine außerirdische Besucherin dieses Medium auf irdischen Toiletten erforschen, käme sie schnell zu dem Ergebnis, das die männliche Variante unserer Spezies von Sadisten, Sexisten und mordlustigen Wichsern mit Verdauungsstörungen dominiert wird.

Fazit:
Erkenntnisse, die aus den anonymen Texten in sogenannten Sozialen Medien gezogen werden, sind nahezu wertlos, weil die Kommentare nicht von ganzen, greifbaren Personen stammen. Von einem Medium unterscheiden sie sich wie ein großer Papierkorb von einer lesbaren Zeitung; der Inhalt ist Abfall, der sich, wie anderer Abfall auch, zu einem geringen Teil noch irgendwie verwerten lässt.
   24.01.2016, letzte Überarbeitung 06.01.2017,
   Rob Kenius.

 
 
 
 
Wo und wie Hass in den Medien aus der unbedachten Meinungsäußerung entsteht, wird hier genau erklärt.
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