Anonymität ist nicht die Verwirklichung von Freiheit

                                       

Abfalltonne der öffentlichen Meinung

 
 
Ein Essay über Soziale Medien
 

 
 
 
 

Millionen, ja sogar mehr als eine Milliarde Internet-Teilnehmer haben Accounts bei Facebook und Twitter.

Sie tummeln sich in den Foren, wo sich anscheinend die Volks-Seele austobt. Auch Politiker glauben, dass sich dort die Meinung der Massen spiegelt und sie wundern sich, dass so viele Kommentare radikal, hasserfüllt und beleidigend sind.

Ich gehe oft in einen Kreis,
wo jeder alles besser weiß.
Hanns Dieter Hüsch
Aber, was dort diskutiert wird, sind nicht Fakten, sondern Meinungen über Ereignisse. Das ist ein großer Unterschied. Meinungen gehen auseinander, Meinungen schaukeln sich hoch. Mehrheits-Meinungen dominieren andere Meinungen und siegen über das Wissen von Tatsachen, das oft nur eine Minderheit hat.

Alle Meinungen, egal wie viele Menschen sie haben, werden zerpflückt, auseinander genommen und widerlegt durch das Wissen von Fakten. Durch Logik, durch Erkenntnis von funktionalen Zusammenhängen und durch solide Statistik. All dies hat nichts mit Mehrheiten zu tun und mit Demokratie, sondern mit Fakten-Wissen und Diskussion darüber.

Eine gute Idee,
wenn 1000 Leute sie haben,
kann eine schlechte Idee sein.

Meinungsbildung hat mit Bildung und Bildung hat mit Wissen zu tun.

Es kann keine desinformierte Demokratie geben, ohne Wissen und Diskussion mit Wissenden, sonst wird die Mehrheit zur Herrschaft des Pöbels oder zur Diktatur des Proletariats.

Das bedeutet umgekehrt, dass die Wissenden, das sind nicht nur Wissenschaftler, auch erfahrene Frauen und Männer aller Richtungen ohne Arroganz und ohne Überheblichkeit, sich einmischen sollen in die öffentliche Diskussion ohne Furcht vor der Masse, in der vielleicht viele Unwissende oder wissensresistente stecken. Was sie dabei verlangen können, ist Respekt. Diesmal nicht wegen einer Autorität, die durch Macht oder eine Stellung in den Medien begründet ist, sondern wegen ihres Vorsprungs an Alter, Erfahrung und fachlichem Wissen.

Meinungsmacher, die keinen Respekt vor dem Wissen und dem Gewissen anderer haben, diffamieren die Gegner ihrer Meinungen und werden aggressiv. Damit propagieren sie eine Kultur, in der Meinung über Wissen geht und über Ge-wissen siegt die Ge-mein-heit.

Was hat das mit Sozialen Medien zu tun?
 
Diese Respektlosigkeit wird in den sogenannten Sozialen Medien nicht unterbunden. Im Gegenteil, die Propagierung von Gemeinheiten wird begünstigt durch die Möglichkeit der Anonymität. Dort ist man öffentlich zu sehen und zu lesen und gleichzeitig anonym. Das ist ein Widerspruch in sich. Programmierer würden sagen, es ist ein Bug im sozialen Programm der "sozialen" Medien.
 
Intellektuelle im Netz
machen sich lustig über RTL,
nehmen Facebook und Twitter aber ernst.

Nehmen wir als Beispiel Facebook. Die Teilnehmer sind teils echte Personen, die einen Namen und ein Gesicht haben, teils aber Unpersonen, die ihren Namen nicht nennen und ihr Gesicht nicht zeigen. Es können sogar Roboter sein, sogenannte Bots; denn die Teilnehmer können viele Identitäten annehmen.
 
Prominente, Politiker und Schauspieler lassen ihr Account von einem Fan-Club oder einer Agentur verwalten. Es sind also nicht nur Personen beteiligt, sondern auch Firmen, Organisationen, Vereine, Parteien oder Ortsgruppen. Es gibt keinerlei Einschränkungen, keine Einteilung und keine Kontrolle der Teilnehmer.
 
Das ist so, weil der Börsenwert von der Zahl der Teilnehmer abhängt.

Facebook
ist keine soziale Gemeinschaft von Personen, sondern eine Internet-Firma, die ihre Forenstruktur jedem kostenlos zur Verfügung stellt, um mit dem
kostenlos und ohne Anspruch auf Urheberrechte der Teilnehmer gelieferten Inhalt Klicks bzw. Traffic (ständig viele Klicks) und Statistiken zu erzeugen. Und damit wird auf vielseitige Weise Geld verdient. Das ist das Geschäftsmodell.

Soziale Medien stellen eine absolute Schwundstufe des Sozialen dar.
Der Philosoph Buyung-Chul Han in seinem Buch
"Die Austreibung des Anderen"

Die Struktur von Facebook spricht Leute (Nutzer) an, die klicken, ehe sie nachdenken. Was sie anklicken, spielt kaum eine Rolle.
 
Der Algorithmus zielt auf unreflektierte Zustimmung oder Ablehnung.
 
Die Situation der lockeren Klicks lockt dann Schreiber an, die nur schreiben, um schnelle Zustimmung zu finden, sie schreiben, was ihnen gerade in den Sinn kommt, was in der Luft liegt, ohne darüber nachzudenken. Das passt prima zusammen und schaukelt sich hoch in Wechselwirkung.
 
Die Möglichkeit der Anonymität sorgt dafür, dass niemand sich blamieren kann und niemand für seine Äußerungen zur Rechenschaft gezogen wird. Krasse Meinungen bringen mehr Klicks und Klicks sind für die Firma das, was Geld bringt.

Ursprünglich sind Soziale Medien nicht zum Geldverdienen geschaffen worden, auch Facebook nicht. Es ist die persönliche "Leistung" von Mark Zuckerberg, aus der Idee so viel Geld heraus geholt zu haben. Doch die Ertragslage war anfangs sehr gering. Sie beschränkte sich auf Werbeung für einfachste Konsum-Artikel (z.B. Softeis), später wurden dann statistische Daten ausgewertet und verkauft.
 
Der große Coup war der Börsengang, da rappelte es Milliarden. Der Börsengang war deshalb so erfolgreich, weil Facebook weltbekannt ist und mehr als 1 Milliarde Nutzer hatte, nicht weil entsprechend viel Geld verdient wurde.

Hände weg vom
Zuckerberg!

Die Teilnehmer von Facebook kennen sich zum großen Teil nicht persönlich, sie wissen nicht einmal sicher, ob ein anderer Teilnehmer eine ganze oder eine halbe oder gar keine echte Person ist und sie haben zu den meisten anderen kein persönliches Verhältnis. Anweisungen und Ratschläge braucht niemand zu befolgen. Urteile haben keine Wirkung. Gespräche sind unverbindlich und jeder kann sich dem Kreis wieder entziehen, indem er oder sie seine Identität ändert oder löscht.

Ehe der Begriff Soziale Medien im Netz auftauchte, gab es schon solche Kontaktbörsen wie Jappy. Kontaktbörse ist ein Begriff, der wesentlich ehrlicher ist. Dort werden Kontakte vermittelt zum Beispiel zur Partnerwahl.
 
Bei dieser Vermittlung von Bekanntschaften ist es eine willkommene Regel, dass der erste Kontakt anonym erfolgt.

Solange die andere Person anonym bleibt, ist sie aber kein realer Mensch, sondern ein Schatten. Ich will damit nicht sagen, dass die Menschen dahinter nur Schatten sind, sondern dass sie sich freiwillig auf so ein Schema reduzieren und dass wir keine echten Gefühle an diese Schemen heften oder mit ihnen teilen sollten, weder Liebe noch Hass und auch keine politischen Ansichten.
 
Viele fürchten sich, aus dem Schatten heraus zu treten. Etliche Frauen wie Männer nutzen Kontaktbörsen also nicht nur zum Kontakt, sondern zum Zeitvertreib und zur Selbstinszenierung, als Kommunikations-Medium.

Diese Möglichkeit der Selbstdarstellung und Selbstinszenierung steht bei Facebook im Vordergrund. Es dient nicht der realen Begegnung mit Unbekannten. Mangelnder Realkontakt und Anonymität bedeuten das Fehlen einer sozialen Kontrolle. Nachrichten sind nicht überprüfbar, die Urheber nicht greifbar und das führt schnell dazu, dass die Kommunikation entartet.
 
So entsteht mit Facebook kein Medium zur ehrlichen Kommunikation, sondern nur ein unzuverlässiges Meinungs- und Nachrichten-Sammelsurium, ähnlich einem Gerücht, nur viel größer und viel schneller durch die Ausbreitung im Netz.

Wenn es um Ereignisse geht, zu denen jeder spontan eine Meinung haben will, kommt es ohne Rücksicht auf den Informationsstand zu einer Meinungs-Lawine. Viele fühlen sich bestätigt, wenn sie sich dem Trend der Mehrheit anschließen, andere aber wollen im Getummel der Äußerungen hervorstechen, indem sie eine besonders markante, in den meisten Fällen radikale, Meinung vertreten, die dann von Mitläufern geteilt wird.
 
Dabei riskiert niemand, der anonym bleibt, beim Wort genommen zu werden. Man investiert nicht seine volle Person, sondern nur eine selbst konstruierte Identität, die man ändern, ausbauen, wechseln oder wieder löschen kann.
    Das häufige Ergebnis:
  • Unterstellungen,
  • Beschimpfungen und
  • Beleidigungen schaukeln sich hoch bis zur
  • Androhung von Mord und Totschlag,
  • Aufforderung zu Brandstiftung und
  • Landfriedensbruch, mit einem Wort,
  • zum Hass.
Mäuse weg vom
Zuckerberg!

Was kann der/die Einzelne tun?
Facebook Abmelden!

Wir kannten schon immer ein ähnliches Phänomen der anonymen Entgleisungen:
 
Sprüche an Toilettenwänden.

Würde eine außerirdische Besucherin dieses Medium auf irdischen Toiletten erforschen, käme sie schnell zu dem Ergebnis,
    dass unsere Spezies von
  • Sadisten,
  • Sexisten und
  • mordlustigen Wichsern mit
  • Verdauungsstörungen
  • dominiert wird.
Fazit:
Politische Erkenntnisse, die aus anonymen Texten in sogenannten Sozialen Medien gezogen werden, sind wertlos, weil die Kommentare nicht von ganzen, greifbaren Personen stammen.
 
Von einem Medium unterscheiden sie sich wie ein großer Papierkorb von einer lesbaren Zeitung; der Inhalt ist Abfall, der sich, wie anderer Abfall auch, zu einem Teil bei gutem Willen und viel Auslese noch irgendwie verwerten lässt.
   24.01.2016, 
   Überarbeitung und Kürzung 09.12.2017,
   Rob Kenius.

 
 
 
 
Wo und wie Hass auch in den offiziellen Medien aus der unbedachten Meinungsäußerung entsteht, wird hier genauer erklärt.
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