Studentenfutter = kurz & knackig:
1) Der Wert des Geldes
und der Wert der Armut

2) Mädchen aus Shenzhen
Schokoneinlage: Ein Spruch von Heinrich Heine
3) Kopfsalat und Dichter Nebel
4) Tahiti auf der Schildergasse
5) Free Jazz

Mädchen aus Shenzhen

Die folgende Impression wurde zuerst veröffentlicht im Worthandel-Verlag, Dresden 2006. Es ist die Liebeserklärung an eine Namenlose, eine von Millionen Frauen und Mädchen, die in der Industriezone von Shenzhen/China und an vielen anderen Orten Asiens eure Handys, Smartphones, I-Phones, Computer, Jeans, Turnschuhe und andere Klamotten für einen Hungerlohn zusammensetzen.

 

Mädchen aus Shenzhen

Der Geruch von dir und deinen Haaren, aus der Tiefe des Sumpfes, in dem du lebst, das gibt mir ein sicheres Zeichen in die Zukunft dieser Stadt. Schräge Strahlen fallen vom Westen aus der Sonne in die tiefe Häuserschlucht. Es ist überall hier und dort viel Arbeit zu tun, aber viele von uns tun sie nicht; sie tragen nur Tag und Nacht den Schweiß des Vergnügens an sich und enden schließlich auf einer Bank vor dem ewigen Bildschirm, bis die Zähne ihnen ausfallen vor Selbstvergessenheit.

Du fühlst dich so an, wie deine Arbeit sich anfühlt und deine sanften Hände. Deine Schultern tragen mit Leichtigkeit die Welt. Ich höre deine Stimme aus dem Handy; ich fühle deinen Stoff auf meiner Haut. Meine Laufschuhe tragen mich federnd bis in das Grenzgebiet, wo ich nach dir suche und fragend nach dir den Kopf verdrehe, bis ich schon am ersten Abend müde werde.

Sehnsucht ist rötliches Sonnenlicht. Sehnsucht ist schwarzer Baumwollstoff auf deinem Rücken. Ich lasse dich nicht fallen. Ich drücke auf deine Tasten, bewege dein winziges Bild hin und her, ich beleuchte dein Haar mit dem grünlichen Mondlicht geheimer Ziffern und Zeichen. Durch die Kanäle mit den höchsten Frequenzen sende ich meinen Herzschlag und die innere Energie vom anderen Ende.

Es ist eine Antwort auf die schwierige Frage in deinem Gesicht. Ein sanfter Handschlag, ein Hauch auf die Silhouette deiner Lippen. Dein erfreutes Lächeln und die Oszillation deiner Gedanken belohnen meinen Versuch und bestimmen meine Zeit schon sehr genau, genauer als bisher.

Langsam kommst du in meine Welt; denn wir haben Pläne, die sich ergänzen und das gleiche geduldige Wasser im Blut.


Autor:    Rob Kenius, 2005 
          alle Rechte vorbehalten
          letzte Änderung: 03.12.2014
		  

                               

Der Wert des Geldes und der Wert der Armut

Die folgende Kurzgeschichte in Form eines Gesprächs erschien schon 2006 in der Armuts-Anthologie der Literaturzeitschrift KLIVUSKANTE.
Titelbild weiter unten

Es war ein wolkenverhangener Morgen, der die Leute kaum aus den Betten ließ. Jan Schmidt hatte gerade seinen ersten Kaffee getrunken und hörte ein kurzes Klingeln an der Haustür. Dort fand er einen grünlich-grauen Brief, der nichts Gutes zu bedeuten schien. Jemand offizielles teilte ihm schlicht und ergreifend mit, dass sein Stipendium für das Studium der Philosophie nach diesem Semester auslaufen würde. Peng, Ende; ein Verwaltungsakt, keine Chance Einspruch zu erheben.

Jan war Philosophie-Student in einem viel zu hohen Semester, das wusste er. Vorsorglich hatte er sich schon einen Job in dem griechischen Studentenrestaurant BEIM ZEUS besorgt, und er hatte es gut getroffen: Der Wirt Xenos war ein abgesprungener Mathematiker und heimlicher Philosoph, mit ihm ließ sich trefflich reden und diskutieren, aber auch die Wirtschaft lief nicht schlecht, dank seiner Frau Luzia, die Küche und Restaurant voll im Griff hatte. An drei Tagen der Woche kellnerte Jan dort in der Mittagszeit, während Luzia den Getränkeausschank und die Kochgehilfen beaufsichtigte. Xenos der Wirt war BEIM ZEUS der Mann für die späten Abendstunden, wo er wie ein platonischer Fels hinter der Theke stand, Reggae-CDs auflegte und bis in die tiefe Nacht mit den Gästen über Gott und die Welt diskutierte.

Der Ex-Mathematiker Xenos führte auch die Buchhaltung und die Geldgeschäfte BEIM ZEUS. Er war jetzt für das Anliegen von Jan zuständig, weil der mehr Geld brauchte, um sein Studium ohne Stipendium zu Ende zu bringen. Jan fragte also die Frau Wirtin, nachdem er von elf bis halb drei gekellnert hatte, ob er Xenos sprechen könnte, und Luzia zeigte ihm die Treppe zur Wohnung über dem Restaurant, wo Xenos am Nachmittag fast immer in seinem winzigen Büro saß. Was er dort machte, wusste keiner, außer seiner Frau.

Jan stieg die steinerne Treppe hoch und fand die Tür zur Wohnung nur angelehnt; trotzdem klopfte er vorsichtig an und Xenos rief,
"die Tür ist auf!"
Er ging also weiter.
"Hallo Xenos, wie immer bei der Arbeit?"
"So kannst du es sagen, was führt dich zu mir, hat Luzia dich geschickt?"
"Sie hat mir den Weg gezeigt, ich wollte dich sprechen, wegen Geld."
"Oh Geld? Davon gibt es ja zu viel auf der Welt." Jan ließ sich nicht beirren:
"Ich habe viel zu wenig davon; sie haben mir das Stipendium gekappt."

"Zu wenig Geld", sinnierte Xenos, "hast du wenigstens Zeit?" und er schob ihm mit dem Fuß einen Schemel zu.
"Zeit habe ich wahrscheinlich mehr als du. Noch bin ich ja Student. Wenn Zeit wirklich Geld ist, müsste für mich bei mehr Zeiteinsatz was zu holen sein."
"Was du nicht sagst!" Xenos verfiel in den Ton eines Dozenten. "Der Spruch 'Zeit ist Geld' stimmt vorne und hinten nicht, für Geld bekommst du keine Zeit und meistens für deine Zeit auch kein Geld, obwohl es zu viel davon gibt."
"Zu viel Geld?" fragte Jan unsicher.
"Ja. Es gibt zu viel davon", stöhnte Xenos, "und erklär mir mal, was am Geld überhaupt so interessant ist?"

Jan dachte kurz nach.
"Ich könnte meine Studiengebühren bezahlen und die Miete, Klamotten und Schuhe und ich kann abends irgendwohin gehen, zum Beispiel in euer Restaurant BEIM ZEUS."
"Richtig, was du da beschreibst, das ist der universelle Tauschwert des Geldes; du kannst alles dafür kaufen, aber die besten Dinge im Leben sind frei! Luft, Sonne, Regen, das Leben selbst, es kostet keinen Cent." Jan schluckte.
"Du hast recht, aber Geld ist für mich absolut wichtig, jedenfalls jetzt, wo ich kein Stipendium mehr kriege." Xenos macht eine abwehrende Handbewegung.
"Geld wird maßlos überschätzt und hast du dich schon mal gefragt, wie das kommt?" Bei dieser Frage begann Xenos mit den Fingern unangenehm auf den Schreibtisch zu trommeln und Jan konnte nicht ausweichen.

"Geld ist wohl so wichtig, weil ich alles dafür bekommen kann."
"Das ist es nicht genau, mein Freund. Jeder Deal ist ja ein Tausch. Ich tausche ein Fahrrad gegen einen Kinderwagen..."
"Kriegt ihr ein Baby?"
"Nicht dass ich wüsste. Aber wer ein Fahrrad eingetauscht hat und will wieder zu Fuß gehen, der muss schon Glück haben, um das Fahrrad gegen ein Paar Schuhe zurück zu tauschen; das ist nicht so einfach!"

Dem Philosophiestudenten dämmerte es:
"Da ist er mit Geld natürlich besser dran, das nimmt jeder, wenn er Schuhe verkaufen will, ein Fahrrad aber nicht."
"Siehst du, das ist es, so entsteht der Eindruck, dass Geld immer ein wenig mehr wert ist als alle anderen Sachen, weil jeder es gerne nimmt."

Und obwohl Jan darauf hinwies, dass auch er gerne Geld haben würde, weil er bald keins mehr bekäme, fuhr Xenos fort, ihm zu erklären, dass Geld keinesfalls mehr wert sei als alles andere, Geld sei vielmehr ein durchschnittlicher Wert wie gängige Konsumgüter, also Bier, Joghurt und Fruchtschnitten, all das, was leicht für Geld zu bekommen ist. Die Läden seien voll von Süßigkeiten, Knabber-Artikeln und sinnlosen Milch-Produkten; das alles sei ohne Weiteres für Geld zu bekommen. Wenn einer aber frische Luft oder Ruhe haben wolle, müsse er schon selbst Anstrengungen unternehmen. Geld sei dann nur eine Nebensache und auf einmal weniger wert als gute Luft. Auch gutes Essen sei nicht mehr so leicht zu kriegen, für blankes Geld, meinte Xenos der Wirt.

Jan nickte etwas müde, wollte aber nicht widersprechen. Seine Blicke schweiften in dem winzigen Raum umher und suchten nach irgendeinem Anhaltspunkt, um auf sein Thema zurückzukommen. Die Augen blieben an einem Druck hängen, der ein berühmtes Gemälde von Van Gogh mit vier oder fünf gelben Sonnen darstellte. Er deutete auf das Bild und sagte listig:
"Der arme Vincent, manchmal hat er die Farben direkt aus der Tube auf die Leinwand gedrückt, er hatte nicht mal genug Geld, um neue Pinsel zu kaufen."
"Richtig! Er hat kein einziges Bild verkauft, und heute zahlen sie zwanzig Millionen Dollar für einen halben Quadratmeter Leinwand mit seiner Signatur, da siehst du, was für eine lächerliche Rolle das Geld spielt, wenn es um Gegenstände der Kunst geht, weil sie Geld in beliebiger Menge vermehren können, Kunst aber nicht. Der Wert des Geldes gegenüber so einem Gemälde ist jetzt fast gleich null. Er könnte sich 10 Millionen Pinsel dafür kaufen. Und wie viel Geld es auf der Welt gibt, dafür existiert überhaupt keine Grenze, täglich wird es mehr und mehr und immer mehr, aber klares Wasser wird inzwischen knapp auf dem Planeten."

"Ein Glas Wasser wäre nicht schlecht", meine Jan und er wollte aufstehen, um unten im Restaurant etwas zu holen. Aber Xenos hielt ihn zurück und öffnete den einzigen Schrank, der in seinem Büro stand, dort kramte er eine Sprudelflasche und zwei Gläser hervor; dann goss er die beiden Gläser voll. Jan schluckte langsam und ein wenig gestärkt fuhr er fort.
"Mir wäre mit zwei Hundertern zusätzlich im Monat schon geholfen..."
"Du hast Recht", bestätigte der Wirt, "mehr als ein paar hundert Euro im Monat braucht kein Mensch zum Leben, aber die Jagd nach dem Geld endet nicht da, wo die Jagd nach Nahrung oder die Suche nach einer Behausung endet! Solche Bedürfnisse enden mit ihrer Befriedigung. Die Jagd nach dem Geld endet nie! Besonders bei diesen Spekulanten, die sich nicht die geringste Sorge um den normalen Lebensunterhalt machen. Die Finanzakrobaten sitzen an ihren Terminals und schieben hundert Millionen herum, so als wäre es Spielgeld. Und riesige Geldmengen schwappen um den Globus von New York nach Hong Kong und von Tokyo nach Frankfurt."

Jan fragte den Meister, durch dessen Enthusiasmus angeregt:
"Wie erklärst du denn, dass sie trotzdem den Dollars hinterher rennen,
so als ginge es um das nackte Überleben, wie Verhungernde, die ein Stück Brot brauchen, oder wie ich, der seine Miete bald nicht mehr bezahlen kann? Das ist doch irrational. Warum lassen sich Menschen, die schon alles haben, durch die Aussicht auf noch mehr Geld dermaßen reizen? Und dabei vergessen sie völlig die Not von Milliarden anderer Menschen, die nicht mal das Nötigste zum Leben haben!"

"Nein!", rief Xenos dazwischen, "die Not der Hungernden vergessen die Geldmacher doch nicht! Die Armut überall auf der Welt, die brauchen sie!"
"Was? Die Finanzleute brauchen Armut?" Der Gedanke erschien Jan völlig absurd und Xenos genoss sichtlich seine Überraschung.

"Ja, natürlich, brauchen sie das, sonst wäre doch ein Widerspruch in diesem System: Höchste Bewertung des Gelderwerbs, wo doch alle persönlichen Bedürfnisse befriedigt sind und eine riesige Geldmenge zur Verfügung. Das kann nur dann funktionieren, wenn auf der anderen Seite Milliarden Menschen in Armut leben und diese Menschen um einen winzigen Geldbetrag kämpfen, der ausreichen würde, die nächste Mahlzeit für sich und die Kinder zu bezahlen."

Jan schaute Xenos entgeistert an und sagte nichts mehr und der Wirt beantwortete Fragen, ohne dass sie gestellt wurden.

"Die reale Situation, wo die Armen immer ärmer werden und die Reichen immer reicher, die erzeugt auch bei den Reichen eine Panik, weil sie glauben, genau so dringend die doppelte Menge Geld zu benötigen wie die anderen ihren winzigen Lebensunterhalt. Das ist kein Widerspruch, sondern da entsteht eine reale Spannung wie in der Elektrizität. Diese Spannung existiert nicht nur in den Köpfen, sondern sie ist Wirklichkeit in jedem Land der Dritten Welt: Die Ghettos und die Paläste sind nur durch einen durchsichtigen Zaun getrennt. Die sichtbare Not der Massen ist die psychologische Voraussetzung für die rücksichtslose Gier nach Geld. Immense Armut im Angesicht des Reichtums, immenser Reichtum im Angesicht der Armut; das ist Polarisation, die immer größere Geldströme zum Fließen bringt."

Jetzt hatte Jan Schmidt wirklich sein eigenes Geldproblem vergessen und er fragte den Herrn Kneipen-Philosophen irritiert:
"Meinst du das wirklich? Die Armut der Massen ist bei den Reichen der Antrieb für immer größere Geldsucht?"

Zufrieden mit dieser Frage lehnte Xenos sich zurück und mit dem Kopf an die Wand und er begann etwas ruhiger und genauer zu erklären:
"Es ist nicht ganz so einfach, dann würde es ja jeder merken. Die Tatsache, dass auf dieser Erde Milliarden Menschen fast ohne Geld und ohne Einkommen leben, während ein kleiner Anteil der Erdbevölkerung fast alles besitzt, das erzeugt erst die Spannung im Geldsystem; Spannung durch Polarisation. Der Stress ist am größten bei den ganz Armen und den ganz Reichen. Deshalb kämpfen die Superreichen mit aller Macht darum, noch reicher zu werden; sie führen sogar Kriege, um noch mehr Geldquellen in den Griff zu bekommen."

"Es sieht wirklich so aus, wie du sagst, aber eigentlich müsste für diese Leute doch Geld ziemlich uninteressant geworden sein, weil es noch nie soviel Geld gegeben hat und weil sie auch selber noch nie soviel besessen haben."
"So könnte es sein. Wenn es nicht auf der anderen Seite diese enorme Armut gäbe. Durch die extreme Polarisation des Besitzes, und weil das jeder weiß, kann auch bei den Reichen eine latente Angst vor Armut und Hilflosigkeit bestehen bleiben. Diese unterschwellige Angst ist der Auslöser für die grenzenlose Gier."

"Ich wäre ja dafür", schob Jan erleichtert dazwischen, "ich wäre dafür, dass diese Polarisation, wie du es nennst, etwas verringert würde, wenigstens schon mal in meinem Fall, indem ich beim Kellnern in eurem Restaurant etwas mehr Provision bekomme. Würde dann die Freie Wirtschaft zusammenbrechen?"
Xenos lächelte etwas gequält:
"Natürlich nicht, Witzbold, auf keinen Fall. Die Freie Wirtschaft hat es schon immer gegeben; sie braucht nicht diesen Superkapitalismus. Mit etwas weniger Polarisation würden die Extreme verschwinden: die ganz große Armut und das ganz schnelle Geld. Und die riesigen Geldmengen würden nicht mehr so schnell und hektisch zirkulieren. Vielleicht würde Geld auch etwas weniger wert, weil ja schon überall auf der Welt zu viele Dollars vorhanden sind. Auch würden sie dann nicht mehr so mit ihren Milliarden nach Aktien gieren, die jetzt schon an der Börse ein Vielfaches von dem wert sind wie alles, was real dahintersteckt."

Jan war jetzt endlich an der Stelle angekommen, wo er die ganze Zeit hin wollte:
"Das fände ich sympathisch, so eine kleine Entspannung der Lage. Mit meinem Wunsch nach etwas mehr Lohn liege ich also tendenziell richtig."
"Dass so etwas kommt, hätte ich mir denken können!" bemerkte Xenos mit einem Lächeln in den Augenwinkeln, "ich sage überhaupt nicht nein. Oder habe ich nein gesagt? Du musst versuchen, bei Luzia unten mehr Termine zu bekommen, und ich werde in Zukunft einen progressiven Prozentsatz bei der Kellner-Provision einführen: Wenn wir besonders guten Umsatz machen, bekommt ihr nicht nur 10% sondern auch 12 oder 15% Provision, weil sich bei höheren Umsätzen für uns der Ertrag steigert. Du hast Glück, dass Luzia und ich keine Share-Holder sind."
"Natürlich seid ihr das nicht, wenn ihr Super-Kapitalisten wäret, hättet ihr bestimmt kein Studenten-Restaurant aufgemacht."
"BEIM ZEUS! Du sagst es."

Autor:    Rob Kenius, 2006 
          alle Rechte vorbehalten
          letzte Änderung: 01.06.2017

                               


"Wie aber der Riese Antheus unbezwingbar stark blieb, wenn er mit dem Fuße die Mutter Erde berührte, und seine Kraft verlor, sobald ihn Herkules in die Höhe hob, so ist auch der Dichter stark und gewaltig, so lange er den Boden der Wirklichkeit nicht verlässt, und er wird ohnmächtig, sobald er schwärmerisch in der blauen Luft umherschwebt."
 
Heinrich Heine, 1797-1856
Wikipedia

 
Heinrich Heine, eigentlich Harry Heine, war der größte deutsche Lyriker. Seine Lyrik ist fast immer gereimt, rhythmisch, oft als Liedtext geeignet, politisch radikal und sein Buch der Lieder hatte Welterfolg. Sein bekanntester Spruch:
Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht.
 
Die deutsche Lyrik 2015, ist das genaue Gegenteil: Formal beliebig, Reime sind verpönt, das Versmaß undurchsichtig. Politik bleibt den Kabarettisten und Liedermachern überlassen. Bei jedem Lyrik-Wettbewerb würde Harry Heine heute durchfallen; das heißt, er würde nicht in die Auswahl für einen der ersten Plätze kommen...
 
Deutschland ist wieder ein Wintermärchen, hoffen wir, dass es nicht noch einmal zur Gruselgeschichte wird.

                           


Kopfsalat
und Dichter Nebel

Eine Geschichte aus der Szene der Poetry-Slammer nach einer wahren Begebenheit.

Es war Köln in der guten alten Zeit zu Anfang des dritten Jahrtausends, als die große Buchhandlung am Neumarkt zur Aposteln-Kirche hin, noch Buchhandlung Gonski hieß. Monat für Monat veranstaltete diese Firma im Studio 672, im Keller des Stadtgarten-Restaurants, einen Abend, der sich Kopfsalat nannte. Dabei handelte es sich um ein Poetry-Slam.

Wer nun wissen will, was Poetry-Slam bedeutet, sollte mal hingehen; es ist mittlerweile eine Art Volkssport geworden. Poetry-Slam ist ein Literatur-Event. Es findet meistens in Cafés, Kneipen oder Diskotheken statt. Eine handvoll Poeten, insbesondere solche, die sich dafür halten, haben einen kurzen Auftritt mit dem Vortrag eigener Dichtkunst. Noch am gleichen Abend wird vom Publikum per Abstimmung einer zum Sieger erklärt.

Eine besonders demokratische Regel bei der Zulassung der Kandidaten ist, dass jeder Poet Zugang zur Bühne hat. Der Kandidat benötigt keine guten Beziehungen und kein Netzwerk im Hintergrund, er muss sich nur selbst entdeckt haben und beim Veranstalter melden. In jenen Zeiten beim Kopfsalat war es noch so, dass man oder frau sich unmittelbar vor dem Slam am Eingang des Stadtgartens mit folgenden Worten anmelden konnte:
 
   
 
"Ich will auftreten."
Das genügte als Bewerbung. Der oder diejenige bekam dann freien Eintritt, wurde auf die Liste der Slammer gesetzt und musste später auf die Bühne kommen und seine selbst verfassten Dichtungen aufsagen oder vorlesen.

Beim Poetry-Slam ist an Hilfsmitteln nichts erlaubt außer einem Skript und eventuell einer Lesebrille; kein Musikinstrument, kein Plattenspieler zum Scratchen und keine Begleitpersonen. Zur Verfügung gestellt wird ein eingeschaltetes Mikrofon und die auf fünf Minuten limitierte Vortragszeit. Wenn die Zeit vorbei ist, wird der Vortragende abgepfiffen. Am Ende entscheidet das Publikum über den Sieg.

Beim Kopfsalat im Stadtgarten fand sich damals eine Zuhörerschaft aus ernsthaft an Literatur interessierten Leuten ein: Von Abiturientinnen mit Migrationshintergrund, die mit ihren Kopftüchern in der ersten Reihe saßen, bis zu Veteranen der Kultur-Szene mit violett getönten Haaren und Halbbrillen. Darunter Herrschaften, die es sich leisten konnten, Whisky und Champagner zu trinken. Eine wirklich interessante Mischung aus der Kundschaft jener Buchhandlung nebst Bier trinkenden Studenten, die einfach gekommen waren, weil es sich um ein Event handelte.

Dieter Nabel, der Held dieser Geschichte, war einer von diesen Studenten. Er studierte Germanistik im fünften Semester und hielt sich für einen Lyriker. Er war aber schüchtern wie viele Lyriker. Seine Poesie hatte etwa folgendes Format:

der märzvogelwind
weht früh morgens um fünf
wenn ein singender star mich weckt
im grenzbereich
zwischen tränen und wind
wurde ich von vögeln erschreckt
ich warte auf dich
und ich sehe die Zeit
in Herbststrohballen gerollt
und ich zähle die Stunden
bis zweitausendzwei
danach ist es vorbei...
     

Dieter schrieb seine Gedichte wie die meisten jungen Dichter direkt am PC und druckte sie mit der Schrift-Type Verdana sechzehn Punkt auf farbiges Papier, das er in einen besonders dünnen Ordner heftete. Gelesen hatte das noch niemand.

Regelmäßig, jeden ersten Montag im Monat, stand Dieter beim Kopfsalat in einer schüchternen Ecke, drehte sein Kölsch-Glas in der linken Hand und stellte sich vor, er würde auf der Bühne Gedichte vortragen. Diese Vorstellung konnte auch unangenehm werden, denn das Publikum war nicht frei von Buh-Rufern aus der HipHop-Szene, Studenten in angetrunkenem Zustand, die ihre gute Erziehung aus der 68er Bewegung vergessen hatten.

Es gab aber auch unter den Poeten solche, die beim Publikum für richtige Brüller sorgten. Wenn zum Beispiel eine Studentin mit starkem französischem Akzent beim Vorlesen auf der Bühne nicht nur ihr Liebesleben preisgab, sondern auch ihren zarten Busen entblößte und wie la Liberté in dem berühmten Gemälde von Delacroix mit nackt aufstrebenden Brüsten die Freiheit der Literatur verkündete, da johlte die Masse. Aber am Ende war man doch so fair, sie nicht auch noch gewinnen zu lassen. Die deutsche Literatur-Szene verlangte in jenen Tagen noch etwas mehr als einen nackten Frauenkörper. Es war die Zeit vor den Feuchtgebieten und diversen Wanderhuren.

Dieter Nabel spürte beim Betrachten dieses literarischen Entblätterns tief in seinem Innern, dass er mehr als solche nackten Tatsachen zu bieten hatte. Seinen grau-grünen Ordner mit Poesie hatte er aber noch zu Hause gelassen. Doch er schwor sich, das nächste mal würde er selber hier auftreten. Er wollte beim Kopfsalat vorlesen und ahnte schon, er würde den Preis gewinnen. Und so kam es auch.

Beim nächsten Kopfsalat brachte er verstohlen seine Mappe mit, wagte es allerdings noch nicht, sich am Portal anzumelden, sonder er zahlte bereitwillig sein Eintrittsgeld.
 
   
 
Doch beim über-über-nächsten mal, es war inzwischen November geworden, kam er eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung, ging mutig zum Eingang der Kellerdiskothek und sagte den entscheidenden Satz:
"Ich will heute vorlesen."
"Wie heißt du?"
"Ich heiße Dieter."
"Dieter was?"
"Dieter Nabel."
"Okay, du bist auf der Liste und wirst dann aufgerufen, viel Erfolg auf der Bühne!"

Das Mädchen an der Kasse kritzelte seinen Namen auf ein Stück Papier und Dieter war drin. Und er hatte Glück. Der Abend verlief etwas steif. Die Französin mit den schönen Brüsten tauchte nicht wieder auf, alle Vorträge wirkten laff und das Publikum trank viel.

Moderatorin Carla, eine Angestellte der Buchhandlung Gonski, war genervt, es gab nichts zu loben und nicht viel zu beklatschen. Nach einer langweiligen ersten Stunde sah sie auf ihren Spick-Zettel und verkündete hoffnungsvoll in den überfüllten Raum:
"Der nächste Slammer ist ein völlig neuer Auftritt hier. Es wird eine Premiere bei Kopfsalat sein. Wir freuen uns auf Dichter Nebel!"
Carla hatte sich verlesen. Da stand nicht Dichter Nebel, sondern Dieter Nabel. Sie konnte die Schrift des Mädchens von der Kasse nicht richtig entziffern und machte daraus Dichter Nebel, wahrscheinlich weil sie an diesen Kinderwitz dachte:
Wer war der erste Dichter?
Atwort: Dichter Nebel.
Denn: Dichter Nebel lag über den Wassern. (Erstes Buch Moses.)

Niemand rührte sich. Carla wartete zwanzig Sekunden und rief dann noch einmal:
"Wir wollen den ersten Dichter der Welt hören! Dichter Nebel, wo steckst du? Du hast dich heute doch als erster hier angemeldet!"
Da wurde dem Dieter klar, dass er gemeint war und mit wankenden Knien kämpfte er sich aus seiner schüchternen Ecke bis auf die niedrige Bühne. Den grau-grünen Ordner mit seiner Lyrik hielt er steif unter den Arm geklemmt.

Carla blieb locker. Sie war es gewohnt mit Dichtern umzugehen, die noch mehr Lampenfieber hatten als sie selbst. Sie deutete auf das Mikrofon, sie sprach ein paar beruhigende Worte, erwähnte noch einmal den Namen Dichter Nebel, ohne dass Dieter ihr widersprach, und dann ließ sie ihn allein mit seiner Mappe, dem Mikrofon und dem bereitwillig lauschenden Publikum.

Dieter öffnete seinen Ordner, räusperte sich zweimal und begann zu lesen:

Der märzvogelwind
weht frühmorgens um fünf...

Da schoss es ihm blitzartig durch den Kopf: Es war jetzt November und elf Uhr abends. Der Märzvogelwind frühmorgens um fünf... das war das falsche Gedicht zur falschen Zeit! Aber jetzt war es zu spät. Er hielt sich an seiner Mappe fest, starrte ins Mikrofon und, obwohl ein leises Kichern im Publikum begann, öffnete er mutig seinen Mund:

wenn ein singender
star mich weckt
im grenzbereich
zwischen tränen und wind...


Das Kichern wurde lauter. Andere Zuhörer zischten dagegen, um das Gelächter abzuwürgen. Von der Bühne aus gesehen stand über dem Publikum so etwas wie leichter Nebel, aber Dichter Dieter musste weiter lesen und er befürchtete schon, dass er mit dem Märzvogel-Wind heute nicht den ersten Preis gewinnen würde.

Halb stotternd, halb trotzig blieb er stecken. Er griff in die Mappe, legte das Blatt Märzvogel-Wind einmal um, blätterte wieder zurück, und setzte von Neuem an:

zwischen tränen
und wind...


Und wieder kam Lachen von der Theke her.

War es jetzt Verwirrung? War es Zufall oder eine geniale Idee? Dieter begann zu stottern, verlas sich, setzte neu an und veränderte halb aus Dusseligkeit, halb aus Trotz ein einziges kleines Wörtchen in seinem Text:

wenn ein... singeder star mich weckt
im grenzbereich zwischen tränen und wind wurde ich
beim Vögeln erschreckt...

Beim Vögeln erschreckt!
Das Publikum brüllte vor Vergnügen. Dieser schüchterne Typ da mit seiner Mappe, beim Vögeln erschreckt! Die Kölsch-Studenten hoben ihre Gläser und prosteten ihm zu.

Dieter las stotternd weiter. Manchmal unterbrach er sich selbst und wartete, ob Gelächter aufkommen würde, und es kam! Dann las er wieder und veränderte ab und zu ein kleines Wörtchen. Er las auch verschiedene Varianten und schließlich schob er auch seine verzweifelten Nebengedanken ins Mikrofon.

ich warte auf dich...
warum, warum warte ich denn?
auf wen? auf dich?
auf sie?
nein ich sehne mich!
Ja das ist besser:

Ich sehne mich
und ich sehe die zeit
Ich sehe die zeit?
Kann ich Zeit sehen?
aber ich sehe ja die zeit
in herbststrohballen gerollt
Was ist das jetzt schon wieder?
Herbststrohballen?
Was heißt das denn?
sehe nicht die Zeit, ich sehe Strohballen!

Das, das ist eine Metapher!
Im Herbst, da rollt die Zeit unter uns weg.
beim Vögeln
auf runden Strohballen.

Auch an dieser Stelle kam wieder ein lauter Brüller von der Theke her. Und das gehobene Publikum stieg langsam von seiner literarischen Erwartungshaltung herunter in die Niederungen des Amüsements und klatschte gnädigen Beifall. Dieter las, stotterte und improvisierte weiter:
und, und
ich zähle die stunden
bis zweitausendzwei
nein, besser die Nummern
ich zähle die Nummern
bis zweitausendzwei nein!
Zweitausenddrei!
danach ist es vorbei...

Dichter Nebel alias Dieter Nabel wurde der Sieger an diesem Abend und im nächsten Monat trat er wieder auf beim Kopfsalat. Er gewann noch einmal als verhinderter Poet, der den Kitsch seiner Poesie schüchtern, aber raffiniert dem Gelächter preisgab. Aus dem Poetry-Slam wurde eine Casting-Show für den Comedy-Nachwuchs und aus Dichter Nebel wurde ein erfolgreicher Comedy-Act.

Die vorhergehende und die folgende Story aus dem Band
  Köln, wo wir uns trafen  
 

                           


Autor:    Rob Kenius, 2012 
          alle Rechte vorbehalten
          

Tahiti auf der Schildergasse

Kurze 10 min Version, wie bei "Literatur um 8" gelesen am 18.02.2016, Cafe Central, Köln

Es war windig und kalt, besonders unten am Rhein. Der Wind zerrte wild an einer Plakatwand. Das Bild auf dem Poster zeigte eine Südseelandschaft mit einer großen Palme und auf dem weißen Sandstrand lag ein Mädchen in einem äußerst knappem Bikini. Sie machte Werbung für billige Flugreisen nach Tahiti. Dabei war leicht zu erkennen, dass die junge Frau in die Traumlandschaft nur hinein kopiert worden war.

Von der nächsten Straßeneinmündung her tauchte der rote Schnellaster einer Plakatfirma auf mit frischem Material. Die beiden Plakatankleber parkten ihren auffälligen Pick Up ziemlich unverschämt auf dem Bürgersteig. Sie luden als erstes eine kleine Leiter aus Aluminium ab. Dann machten sie sich daran, lose Papiefetzen von der Wand zu zupfen. Die Reklamebraut sah mit Schrecken ihr nahes Ende in der Südsee-Werbung auf sich zu kommen.

Ein Zittern ging durch die Landschaft auf dem Papier; sie wellte sich ein wenig und ganz langsam löste sich ein Fuß, ein Bein und schließlich der gesamte Unterleib der Schönen von der Werbefläche. Sie stieg vorsichtig in ihrem blauen Tanga-Slip auf die oberste Sprosse der bereitstehenden Aluminium-Leiter. Ihr Oberkörper löste sich aus dem Schatten der Palme und ehe es die beiden Reklame-Fritzen registrieren konnten, stieg die Südsee-Braut aus dem Bild über das Aluminium-Leiterchen bis aufs Trottoir.

Sie war wenigstens drei Meter groß.

Trotz ihrer Lebendigkeit schien sie nur zweidimensional zu sein, so flach wie dickes Papier. Von der Seite war beinahe nichts zu erkennen. Erst als der eine Werbe-Mann das Südsee-Plakat ganz abreißen wollte, stellte er verblüfft fest, dass sich auf dem Bild etwas verändert hatte:
"Dat Mädsche is vum Plakat jehopst!" rief er verblüfft.
"Die hat wohl Angst vor'm Abreiße jekrischt."
"Isch han er doch nix jedonn."

Unterdessen wankte die Reklamebraut mit ihrer windschiefen Kontur schon am Rheinufer entlang und weil sie den Wind im Rücken hatte, kam sie schnell voran. So gelangte sie bis zur Innenstadt und ließ sich vor der Deutzer Brücke nach links treiben. Sie suchte ein Reisebüro, um dort ihren Werbevertrag einzulösen. Man hatte ihr nämlich für das appetitliche Foto und einige andere Gefälligkeiten eine echte Reise nach Tahiti versprochen.

Eine lebendige Dreimeter-Frau im Tanga-Slip mitten auf einer belebten Einkaufs-Straße zieht gewaltig die Blicke auf sich. Als der Wind sie versehentlich in die Nähe von Tram-Gleisen blies, kreischte laut die Straßenbahn. Der Fahrer ließ vor Schreck den Zug entgleisen und griff sofort zum Not-Telefon.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich Britta, unsere freundliche Polizistin:
"Dat is ja unerhört, ich komme sofort."
Während Britta sich ein paar chice Handschellen in die Gesäßtasche steckte, erreichte die Sensationsmeldung von der frei herumlaufenden Reklamebraut bereits die nächste Fernsehdirektion. Ein Kamerateam mitsamt Reporter setzte sich in Bewegung und kam noch vor der Polizei in der Fußgänger-Zone an.
Polizistin Britta war aber zuerst dran.

Die zwei Frauen schauten sich gegenseitig von oben bis unten an. Mit wachsendem Respekt.
"Wieso bewegen Sie sich so leicht bekleidet durch die Fußgänger-Zone?"
"Oh, entschuldigen Sie, das ist nicht meine Schuld. Ich bin über eine Vermittlungsagentur an diesen Job gekommen. Und die haben mich über den Tisch gelegt. Eine Zweitarbeitsfirma hat mich dann weiter vermittelt an diese Billigfluggesellschaft Null-Euro-Airline. Die haben mich verkackeiert. Ich habe keinen Cent mehr in der Tasche. Um mir was zum Anziehen zu kaufen. Ich bin froh, dass ich noch meinen Slip an habe. Der Tanga ist übrigens ein Luxus-Modell."

Das sehe ich, dachte Britta, sie griff unwillkürlich an ihre Gesäßtasche und stopfte die Handschellen tiefer nach unten. Dann fragte sie neugierig:
"Und was haben Sie jetzt vor?"
"Ich, ich demonstriere für bessere Arbeitsbedingungen, für Winterbekleidung und Foto-Shootings in der echten Südsee. Ich suche dringend nach einem Reisebüro, Frau Komissar, die Firma Null-Euro-Air schuldet mir einen Flug nach Tahiti."
"Oh, Tahiti, das Reisebüro nach Ozeanien. Da müssen se hier über den Zebrastreifen und in die Schildergasse. Und am Ende um die Ecke bis zum Belgischen Konsulat. Die können ihnen bestimmt weiter helfen."
"Oh, vielen Dank, Frau Polizei."
"Nenn mich einfach Britta und halt die Backen steif!"
"Leider ist das nicht so einfach, Britta, ich heiße Flitzi, ich bin so flach wie ein Poster." Die beiden Frauen lachten laut und verabschiedeten sich mit Affen-Handschlag wie die Mitglieder einer HipHop-Crew.

Ich darf nicht so viel Aufsehen erregen, dachte Flitzi, wenn mehr Polizei auftaucht, gibt es Ärger.
Doch der Ärger war schon da. Das Fernsehteam hatte nur auf den Abgang der Polizistin gewartet und versperrte der Reklamebraut den Weg. Ein zwergenhafter Reporter reckte seinen Arm mit dem Mikrofon nach oben, während er wild versuchte, einen mediengerechten Text zu formulieren:
"Meine Damen und Herren, wir berichten hier schon seit Jahr und Tag über den Alltag in diesem gestressten Einwanderungsland. Durch den Einfluss von radikalen Islamisten ist der Konsum von knapper Badebekleidung so weit zurückgegangen, dass unsere Models arbeitslos werden und zu Protesten schreiten."

"Mach's kurz, du Zwerg", zischte Flitzi, "ich bin beinahe auf Abflug."
"Oh, das macht nichts. Wir sind schon auf Sendung. Wie ist die Stimmung der demonstrierenden Models für Reizwäsche in der Außenwerbung?"
"Die Plakat-Werbung in der Außenstadt? Die bringt nichts mehr; zu viel Wind und zu wenig Stoff. Oft müssen mehrere Mädchen auf einem Poster hinter winzigen Fetzen in der Kälte bibbern. Wir streiken für beheizte Werbeflächen und mehr Textil auf der Haut! Und weniger Gefälligkeits-Sex..."

Der Fernseh-Fuzzi nickte begeistert, das war ein Thema für das Vorabendprogramm, appetitanregend und fleischig.
"Sie haben Recht, junge Frau. Es wäre genug Stoff vorhanden, um damit direkt für Textilien zu werben, ohne dabei so viel von ihrem bloßen Hintern zu zeigen."
"Mein Hintern ist okay, Kleiner, nur ein wenig flach. Ich werbe nicht für Textil, sondern für Sonne. Aber ständig Sex mit Kollegen, das muss nicht sein, besonders nicht im Verkehr. Wir stehen ja meistens an einer Wand, wo Autofahrer im Stau hängen und uns durch ihre getönten Fensterscheiben anglotzen." Der Reporter nickte bestätigend und fabulierte:
"Ja, liebe Autofahrer, immer die Hände hübsch am Steuer halten! Was Frau Flitzi da thematisiert, ist ein echtes Verkehrsproblem."

Vorsichtig schaltete er sein Mikrofon aus und machte flüsternd ein ganz persönliches Sonderangebot:
"Hör mal, Süße, ich könnte dich ganz groß raus bringen. Im Fernsehen. Du brauchst nur zu mir ins Studio zu kommen, damit ich von dir ein paar exakte Standfotos mache. In verschiedenen Stellungen."
"Was? Du Giftzwerg! Verschiedene Stellungen fürs Fernsehen? Du Wichser! Nur die fest Angestellten sind da in Stellungen, sie sitzen mit ihren dicken Ärschen auf den Gehältern, in Vollzeit und sicher. Uns Kreative behandeln sie wie Dreck! Ich will jetzt erst mal nach Tahiti! Mal ausspannen, ohne Spanner, ohne Kamera und ohne Obenohne und völlig ohne Sex! Nicht mal dran Fummeln. Verstehste? Und da kommst du mit Stellungen im Studio! Verpiss dich!"

Ein kräftiger Windstoß erfasste die plakative Schönheit und blies ihre zweidimensionale Gesamtheit in die Lüfte. Sie flog hoch oben über die ganze Stadt und landete direkt an der Rauhfaser-Tapete, da wo ich saß.

Die freche Flitzi war noch regenfeucht und blieb an der Wand kleben. Da hat sie mir das alles haarklein erzählt, bei einem Milch-Kaffee und ein paar Bio-Keksen, genau so, wie ich es aufgeschrieben habe.
Und ich möchte dieser authentischen Geschichte auch nichts hinzufügen.

Die vorhergehende und die folgende Story aus dem Band
  Köln, wo wir uns trafen  
 

                           


Autor:    Rob Kenius, 2012 
          alle Rechte vorbehalten
          

Free Jazz

Text-Impression einer wilden Free-Jazz-Session irgendwann und irgendwo. In Erinnerung an und zu Ehren von:
Irene Schweizer, Peter Brötzmann, Han Bennink, Peter Kowald, Alexander von Schlippenbach, Mani Neumeier, Manfred Schoof, Gunter Hampel, Gerd Dudek, Paul Lovens, Dietrich Rauschtenberger. Und Robert Wenseler als Programm-Gestalter im Malteserkeller, Aachen.

Es ist Verlass auf den Bass.
Und federnd nass im Gesicht ganz blass, chromatisch von oben bis unten gebürstet und blank poliert, harmonisch gezupft, synkopisch gerupft, tänzelnd akzentuiert. Der Schwager am Schlagzeug hat es zuerst kapiert.
Er schlägt uns eine Schneise in das Dickicht der reinen Unvernunft, wo exotische Schlingrosen über moosig gelbe Baumstümpfe kriechen und dann langsam innerlich zerrosten.
Wie der Westen im Osten.
Bis das blanke Fell auf der Trommel krepiert.

 
     
 

Vorsicht hier irgendwo ist der akustische Untergrund mit Pop und neuromantischem Kitsch kontaminiert! Nicht stolpern und nicht versinken im stinkenden Klärschlamm der ständig sich wiederholenden Riffs. Nur ein falscher Griff in die Klamottenkiste und das Saxofon kotzt. Kotzt gelben Konfektions-Schleim über die glitschigen Geigen bis in den Zuschauerraum.
Aber nein!
Es ist Verlass auf den Bass und auch die Basstrommel stampft stur über Stock und Stein, Arm in Arm, so leicht legt man uns nicht rein! Wir wandeln auf dem Grat zwischen glaubwürdigem Chaos und ewig zerdeppertem Paradies.

Tom, Tom, sei jetzt nicht fies!
Wir alle stürzen uns gemeinsam auf die spröde Snare.
Ja, komm her! Wir legen uns auf diese Braut.
Mit unseren unverschämten Sticks hämmern wir auf das Becken einen scharfen Twist und dann runter und rein in den Keller und dann von hinten drauf und immer schneller.

Einige der Zuhörer wissen es schon:
An dieser Schwelle
zur ersten Hölle
explodiert ein Saxofon.
Mit dem Kopf durch das Mundstück in den Hals und
raus aus dem Trichter, raus
und rein in das vollbesetzte Straßencafé,
und das Horn ist vorn.

Jetzt schnell ein paar frische flinke Fingerwirbel und noch mehr Beckenpeitsche und vorwärts drauf! Und dann direkt mit einem Satz über die Rampe ins Publikum.
Keiner dreht sich um!
Klangfetzen treiben uns vorwärts zwischen die Beine der Verwandten und Bekannten, wir blasen durch fremde Lippen, geigen durch verbotene Kanäle, eine verlogene und leicht verbogene Theologie.
Aber ohne Absolution, absolut unberechenbar. Einfach einseifen, einpeitschen und gemeinsam reinreiten. Das ist unsere Politik.

Und am Himmel zwitschern die Triller mit dem plattgedrückten Daumen und der Mund bläst prall in die Backen, stößt ins Rohr. Der Drummer peitscht die Herde quer über den ausgetrockneten Fluss bis zur Grenze. Ganz hinten am Horizont die blauen Berge. Rinder, Millionen Rinder, Bullen, die sich aufbäumen und ihre gequälte Seele in die verseuchte Luft röhren.
Das.
Das.

Das alles bringt den rundköpfigen Schlagzeuger in seiner asketischen Schießbude noch nicht in Rage.
Er streichelt sanft die Flanken der Becken und die Kante der Snare mit verdächtig dicken Stöcken doch ganz leise und verspielt, wie geflüstert, so scheinheilig fromm, und dann urplötzlich dreht er auf.
Losgeprügelt, gehämmert, gerädert, getreten und hinabgestoßen!
Bis dass,
dass,
dass die Motoren der antiken Rennwagen anspringen und mit verminderten Intervallen hysterisch aufheulen. Und im vollem Touren-Bereich geht es glissando in die gefürchtete Haarnadel-Kurve vor der Zielgeraden, haarscharf an der Planke entlang, wo der drahtige Bassist neben der Piste seine riesige Rotzfahne schwingt.

Das ist das Zeichen zum endgültigen Überfall.
Sie attackieren im Fünfer-Takt, durchbrechen die letzte melodische Absperrung und ruck zuck, atonal,
rat-at-at
irrational
dringen sie randalierend über die Hauptstraße des Filmdorfes mit ihren drohenden Bassläufen und schlingernden Doppelschlägen ohne jeden Widerstand in das Innere der Zentralbank
direkt in den Tresor.

Das Metall schreit und brüllt. Es glüht und biegt sich, die Haut auf den Trommeln dröhnt, sie brennt und wirft Blasen und immer noch halten die straff gespannten Felle, Saiten und Drähte des Sicherheitssystems, sie schwingen und kreischen in Resonanzen und in Dissonanzen mit den stampfenden Hufen der fliehenden Herde von Rindern, Elefanten, Giraffen und gaffenden Zuschauermassen, bis dass, dass, dass der Bass,
ja der Bass den Schweißbrenner übertönt und die Saxofone prusten laut los und alle stürzen sich taumelnd auf die nackte Beute.

Autor:    Rob Kenius, 2012 
          alle Rechte vorbehalten
          
     
 

                                   

            Köln, wo wir uns trafen