Kirche aus Lehm      

Sieben Frauen kommen barfuß und in weißes Leinen gehüllt
wenn sich am Sabbat die aus Lehm gebaute Kirche füllt
wie im Traum finden sie ihren Weg durch die Wellblech-Gassen
für ein paar Stunden haben sie die nackte Armut verlassen
sie tragen, schleppen und treiben zwanzig Kinder mit sich her
wie sie die alle ernährt haben, wissen manche nicht mehr
 
Der Geruch des Slums macht nicht vor den Türen der Kirche halt
wie auch Gekreisch und Geschrei laut durch die Lehmwände schallt
dann setzt schon das Trommeln ein mit einem riesigen Tamburin
Menschen springen auf, andere werfen sich zur Erde hin
wer bisher draußen stand, drängt sich noch zur Tür herein
alle scheinen nur Rhythmus, Stimme, Seele und ein Lied zu sein
 
Ein einfacher Tisch mit wenigen Blumen bildet den Hauptaltar
davor predigt ein Mann in einem weißen Talar. Offenbar
glaubt er, er sei ein Apostel, und er verschweigt es auch nicht
mit donnernden Worten schlägt er die Bibel sich selbst ins Gesicht
und verspricht, dass Christus wiederkommt, wie Johannes es erzählt
"Viele sind gerufen, aber ihr hier seid jetzt schon auserwählt!"
 
"So steht es geschrieben, und jedes geschriebene Wort ist wahr
Jesus kommt wieder, hört ihr, spätestens in einem anderen Jahr
ist das klar? Wer daran zweifelt, kann nur ein Opfer des Teufels sein
wer aber glaubt, spendet gleich einen kleinen oder größeren Schein
für die Kirche, für die Armen, und für die Evangelisation."
"Gott ist groß, er hat uns errettet! Herr, wir kommen schon!"
 
Sie flehen, schreien und singen Hosanna im Engel-Chor
mit Wasser und Feuer getauft steigen sie aufwärts zum Himmel empor
Und je tiefer das Volk in die Falle der Armut sinkt
desto größer der Lohn, der ihnen oben im Himmel winkt
Der Ruf nach dem Jüngsten Gericht ist ihr lautester Lebensschrei
es ist ein Schrei wie aus Lehm und Staub, er dringt durch die Haut
und geht sicher nicht an uns vorbei
 
Sabbat-Feier der adventistischen St John Everlasting Gospel Church in einer aus Holzgeflecht und Lehm gebauten Kirche in den Slums von Nairobi/Kenia, Prediger Samson Oseno, Januar 1996,
Text: Rob Kenius





 

Sieben Krähen
fliegen gegen den Wind



Sieben Krähen fliegen gegen den Wind. Und der Wind hat immer die gleiche Richtung.
Eine der Krähen krächzt laut vor sich hin. Ihr ist etwas unheimlich in der hereinbrechenden Dunkelheit und sie gurrt in die Runde:
"Haben wir schon wieder Angst vor den Hähern, oder haben die Häher noch Angst vor uns?"
 
Die zweite Krähe taumelt im Sturm und nörgelt:
"Es gibt doch keine Häher mehr, oder wenigstens nicht so viele, dass wir vor ihnen Angst haben müssten. Die Häher sind längst von der Bildfläche verschwunden."
 
"Von wegen verschwunden!" Krächzt die erste Krähe, "du hast doch neulich noch mitgekriegt, wie ein paar solcher Vögel nach uns gepfiffen haben, dass wir Raben wären und hier nichts verloren hätten. 'Raben runter!' Ha'm sie gekhräht.
Da fliege ich doch wohl richtig in der Annahme, dass es sich bei denen um Häher gehandelt hat."
 
"Wir sind aber keine Raben", gurgelt die dritte Krähe, die zwischen den beiden gegen Wind und Regen keucht.
"Raben sind nämlich längst ausgestorben", pflichtet ihr die andere bei und fliegt eine Spanne weit nach rechts rüber zu der, die festgestellt hatte, dass Krähen keine Raben sind.
 
Die Krähe, die bisher schweigend voran geflogen ist, wird von einem Windstoß erfasst und zu den drei streitenden Vögeln zurückgeworfen. Sie knarrt laut und meldet sich als vierte zu Wort:
"Ausgestorben ist gut, hä... vergiftet wurden sie; die Häher haben alle Raben vergiftet."
 
"Und abgeschossen!"
"Ja, ausgeräuchert."
"Erst ham' sie die Nester kaputt geschlagen und die Raben dann in Käfige gesperrt, abtransportiert. Es sah harmlos aus wie ein Transport von Brieftauben... nur... keiner dieser Pechvögel kam jemals wieder zurück."
 
Der Regen wird stärker. Die fünfte Krähe hustet laut:
"Elsterei, was die Häher mit den Raben gemacht haben, aber, chhhkch... mit uns können sie das nicht machen, weil wir jetzt doch viel mehr sind als sie."
"Aber das Dumme ist, dass wir so wie Raben aussehen."
"Genau."
 
Die Krähen, die schweigend hinter dem krächzenden Volk herfliegen, haben inzwischen aufgeholt und die sechste, eine besonders junge, versucht zu flöten:
 
"Wir sehen doch viel besser aus als Raben, und wir können schneller fliegen als sie und außerdem sind wir intelligenter. Wenn wir nicht so gegen den Wind sondern mit dem Wind fliegen würden, dann ging's noch mal so gut. Ich fürchte mich nicht vor den Hähern, ich glaube, das sind überhaupt nur Spechte."
 
"Halt den Schnabel, du Schwalbe, das mit der Intelligenz solltest du lieber uns überlassen" krächzt die erste Krähe, während sie sich noch mal ein paar Flügelschläge zurückfallen lässt. "Diese komischen Vögel die wir meinen, sind so braun wie Häher und sie riechen auch wie Häher."
 

Zeichnung: John Gould, 1804 - 1881
 
"Genau, und wir sehen aus wie die Raben."
"Schwarz wie die Raben."
"Du hast recht", knurrt die dritte Krähe und die zweite meint: "Die Masse der Häher waren immer schwarz-weiß-braun karierte Mitflieger, sonst nichts."
 
"Mitflieger ist noch sehr geschmeichelt. Arschpicker!"
"Genau. Und solche Arschpicker flöten heute wieder überall, ob sie nun die gleichen Schwanzfedern haben oder ob sie aussehen wie Geier, Spechte oder Gockelhähne."
"Arschfliegen sind sie alle," schimpft die jüngste, ein wenig stolz darauf, dass eine Vögelin sie eben Schwalbe genannt hat.
 
Die siebte Krähe ist die größte und älteste von allen. Sie fliegt als letzte gegen Wind und Regen, und bisher hat sie keinen einzigen Laut von sich gegeben. Doch als sie eine Senke im Gegenwind erspäht, gleitet sie ein wenig vor, holt tief Luft und ruft nach vorne:
 
"Vertragt euch doch, Kinder! Und keine Angst. Solange wir immer schön gegen den Wind fliegen, kann uns gar nichts passieren, ha ha, ja! Denn die Braunen, diese Häher, die segeln immer mit dem Wind, und, und... wir sehen sie dann ja schon von weitem kommen... Von vorne sind sie leicht zu packen! Die Arschpicker!"
 
Und alle Krähen krächzen, lachen und taumeln vor Freude, und selbst der Wind heult auf. Der Wind mag alle Vögel, weil sie seine Kraft und Energie viel besser nutzen als die Menschen mit ihren Schornsteinen, Flugzeugen und Windrädern. Und er liebt besonders die rabenschwarzen Krähen, weil sie ihm Läuse, Flöhe und auch manchen Dreck aus dem Fell picken.